Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen steht bei SERPAF nicht im leeren Raum. Die Einrichtung arbeitet gemeindeorientiert. Mit den Eltern und dann
gemeinsam mit lokalen Organisationen werden breitenwirksame Projekte angeschoben und durchgeführt. Hier stehen gesundheitliche Aufklärung, Nachhaltigkeit bei der landwirtschaftlichen Nutzung des Bodens, Berufsförderung und
arbeitsbeschaffende Maßnahmen, die den Familien in den Favelas eine Lebensgrundlage schaffen sollen, im Vordergrund. So wurden Kleingärten angelegt, die von Schülern und Eltern beackert werden und die Einrichtung mit
frischem Gemüse versorgt.
Väter werden integriert beim Bau von neuen Gebäuden, Mütter helfen in der Küche oder in einer der Werkstätten. Zwar kein
“Rundherum-Sorglos-Paket”, aber für motivierte Erwachsene eine Chance, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen.
Aber auch Schüler aller Klassen können sich zu besonderen Projekten anmelden.
Jovens Jornalistas
Lösungen zu erarbeiten und Verantwortung für die
Gemeinschaft zu übernehmen sind besondere Anliegen der Einrichtung. Geübt wird dies in dem von der Kindernothilfe initiierten Projekt “Jovens Jornalistas” (Junge Berichterstatter).
Hier werden monatlich aktuelle Themen der Gemeinde und der Einrichtung journalistisch aufgearbeitet. Gleichzeitig lernen die Jugendlichen die Nutzung des
PCs und erwerben Fähigkeiten für Gestaltung und Layout. Sie entwickeln außerdem hohes Fachwissen in der gemeinsamen Recherche, Auswertung und Auswahl von öffentlichen und politischen Themen und Beiträgen sowie
sozialpolitisches Bewusstsein. In dieser Projektgruppe arbeiten 30 Jugendliche aller Altersstufen.
Thematisch dazu passt das Projekt “Die Welt in der Dose”, ebenfalls auf Anregung
und durch Förderung der Kindernothilfe. Mit einer einfachen selbst gebastelten Lochkamera (Camera Obscura) lernen Kinder und Jugendliche, genauer hinzusehen und dadurch, ihre Umwelt kritischer wahrzunehmen. Dieser Bericht spiegelt ganz konkret die Situation der jungen Leute, die durch SERPAF eine Chance bekommen.
Lesen Sie den nachstehenden Bericht der Kindernothilfe, um mehr über dieses Projekt zu erfahren.
(mit freundlicher Genehmigung der KNH)
Die Welt in der Dose
Dass im brasilianischen Sete Lagoas 25
Kinder mit einer Dose vor den Augen durch die Stadt ziehen, finden die Leute längst nicht mehr ungewöhnlich. Sie wissen: Die Mädchen und Jungen sind wieder auf der Suche nach einem Fotomotiv. Mit ihren Dosenkameras spüren
sie die Probleme ihrer Stadt auf, bilden sie ab, mischen sich ein. Das Projekt SERPAF macht's möglich.
Junger Fotograf mit Dosenkamera - Foto: Kindernothilfe
Innendrin müssen sie schwarz sein, pechschwarz - die Dosenkameras, ganz sorgfältig ausgemalt, damit sich das Licht nicht
reflektiert. Aber die Farbe im Kamerainneren ist auch schon fast die einzige Gemeinsamkeit mit den teuren Apparaten aus
dem Fotogeschäft. “Das hier ist die Linse", erklärt die zwölfjährige Tátila das Geheimnis des merkwürdigen Gerätes. Man
muss schon ganz genau hinsehen, um das winzige Loch zu entdecken, das das Mädchen sorgfältig mit Hilfe einer Nähnadel
und wohldosierten Hammerschlägen durch das Dosenblech gebohrt hat, gerade mal einen halben Millimeter groß: “Wenn du
das Loch zu klein machst, kann man später nichts erkennen, weil zu wenig Licht eindringt, wird es zu groß, funktioniert die Kamera nicht." Tátila ist Expertin: “Ist doch klar, dann hast du das Bild überbelichtet."
Anlaufstelle für 600 Kinder
Mehrere hundert Dosenkameras haben die Kinder aus dem Projekt SERPAF (Serviços de Promoção ao Menor e à Familia)
am Rande von Sete Lagoas, einer ziemlich trostlosen, ehemaligen Industriestadt im brasilianischen Bundesstaat Minas
Gerais, in den vergangenen Jahren gebaut. Außer den sieben Seen - oder besser Teichen und Tümpeln -, die den Ort
umgeben und einer Reihe von verfallenden Fabrikruinen mit vor sich hin rostenden Maschinen, halten sich die Attraktionen von
Sete Lagoas in Grenzen: Vor allem für die Menschen aus den ausgedehnten Armenvierteln, aus denen die 600 Mädchen und Jungen von SERPAF kommen. 25 von ihnen - alle zwischen elf und vierzehn Jahren alt - sind Fotografen.
Der 11-jährige Dener hat dieses Foto mit einer Dosenkamera aufgenommen. Foto: Dener Rodriguez
Journalistin engagiert sich
Den Anstoß für ihr Projekt lieferte Rosina Duarte, eine für die Kindernothilfe arbeitende, engagierte brasilianische Journalistin
aus Porto Alegre, die die Einrichtung vor einigen Jahren besuchte. Sie erzählte von den Dosenkameras, weckte Neugier und erreichte, dass 21 Mädchen und vier Jungen zusammen mit einem Erzieher zu experimentieren begannen.
Bemalte Dose. Foto: Kindernothilfe
Zuerst sammelten sie leere Blechdosen. Zwei-Kilo-Milchpulver-Konserven, unverbeult und mit einem perfekt schließenden
Deckel. “Erst waschen wir sie ganz sorgfältig aus und lösen das Etikett ab", doziert João (13), der keinen Hehl daraus macht,
dass er am Anfang den fotografierenden Dosen eher skeptisch gegenüberstand. “Dann werden die Konserven in der Sonne
getrocknet." Der nächste Schritt ist der perfekte schwarze Innenanstrich. Anschließend wird das Kameragehäuse außen
phantasievoll beklebt und bemalt. Schließlich sollen die Apparate richtig toll aussehen. Ganz zum Schluss wird das winzige
Loch mit der Nähnadel gebohrt - genau in die Dosenmitte. Verschlossen wird die “Linse" mit einem Streifen Heftpflaster.
Dunkelkammer im Abstellraum
Projektleiterin Adriane Branco half den 25 Kindern und ihrem Werklehrer, einen Abstellraum der Einrichtung zu einer kleinen
Dunkelkammer umzubauen. Dort werden die unbelichteten Schwarzweiß-Fotopapierbögen in die Dose eingelegt, genau der
“Linse" gegenüber - und an den Ecken vorsichtig mit Tesastreifen fixiert. Alles im Dunkeln - versteht sich. “Das machen wir
inzwischen im Schlaf", erklärt Tátila. Dann kommt nur doch der Deckel auf die Dose, fertig ist die Kamera.
Aufnahme mit der Dosenkamera aus den Favelas. Foto: Guilhermo Santo Ferreira
"Die guten Dinge sehen"
In Sete Lagoas sind die Kinder mit ihren Apparaten mittlerweile stadtbekannt. Das hat vor allem mit dem Aufwand zu tun, der
notwendig ist, um ein Bild aufzunehmen. Tátila, João und ihren Freunden ist der Stolz von der Nasenspitze abzulesen:
“Einfach knipsen, das können Kinder überall auf der Welt", meint Tátila, “unsere Fotos sind ganz anders." In der Tat. Pro
Fotoshooting ist immer nur ein Bild möglich. Zum Teil suchen die Kinder tagelang ihre Motive aus. Ihr letztes Projekt nannten
sie mutig: “Die guten Dinge sehen". Abgebildet wurden der SERPAF-Kindergarten, der Gesundheitsposten, die knorrigen alten Bäume am Stadtrand.
Drei Minuten Belichtungszeit
Zum Fotografieren brauchen sie einen Stuhl und helles Sonnenlicht. “Aber wir müssen darauf achten, dass die Sonne immer
hinter uns steht", erklärt João, “Gegenlichtaufnahmen werden nicht so toll." Der Stuhl darf nicht wackeln. Dann wird die
Kamera ausgerichtet. Neugierige Nachbarskinder verscheuchen die SERPAF-Fotografen energisch. Jetzt kommt der große
Moment: Konzentrierte Stille; vorsichtig wird das Pflaster von der Linse gezogen. Drei Minuten Belichtungszeit, das ist das
Mindeste. Mit der Stoppuhr arbeitet aber keines der Kinder. “Wir haben das im Gefühl", flüstert Tátila. Behutsam kleben sie endlich das Pflaster wieder auf das Loch. Fertig ist das Foto.
Fotos selbst entwicklen
In der Dunkelkammer muss jetzt nur noch das Blatt Fotopapier mit der Schichtseite nach oben vom Negativ zum Positiv
gemacht werden. Dafür wird ein zweites Fotopapier gleichen Formates auf das belichtete Papier gelegt - diesmal mit der
Schicht nach unten - und das Ganze kurz dem Licht einer Lampe ausgesetzt. In der Entwicklerflüssigkeit wird aus dem oberen Papier das fertige Bild - schwarzweiß und klar und deutlich.
Warten auf die Aufnahme. Foto: Kindernothilfe
Genauer hinsehen durch die Kamera
“Wir wollten hier im Projekt nicht mehr nur Hausaufgaben machen, spielen und rumkicken", fasst Tátila, die nie um eine
Antwort verlegen ist, die Motivation ihrer Freunde zusammen. “Die Dosen haben uns geholfen, genauer hinzusehen, über Sete
Lagoas und seine Menschen nachzudenken." Den Lehrern in der Schule ist auch schon aufgefallen, dass Tátila, João und ihre
Freunde im Unterricht mehr Interesse und Engagement entwickeln. Sie haben die Dosenfotografen eingeladen, eine Ausstellung ihrer Fotos zu zeigen.
"Die verwunschene Straße"
Dabei kommen Leute auf den Bildern so gut wie nie vor. Auch Autos nicht, außer, wenn sie irgendwo geparkt wurden. Vom
Einfach-mal-durchs-Bild-Fahren bleibt nicht mal ein Schatten, ähnlich ergeht es Fahrradfahrern, Fußgängern und den von einer
Straßenseite zur anderen wechselnden Hunden. “Die verwunschene Straße" haben die Kinder deshalb eines der Fotos
genannt; nur noch die kleinen Häuser und Hütten, der umgestürzte Eselskarren und der Müll an der Kreuzung sind zu erkennen.
Ein Mädchen zeigt ihr Dosenkamara-Bild. Foto: Jürgen Schübelin
Kinder geben Zeitung heraus
Doch Tátila, João und ihre Freunde sind bei SERPAF nicht die einzigen Kinder, die sich über ihre Stadt, über die
Arbeitslosigkeit ihrer Eltern, über die Armut in den Armenvierteln und die Gewalt in den Familien Gedanken machen: Zwei
weitere Gruppen haben ein Journalismusprojekt ins Leben gerufen und geben eine beidseitig bedruckte Zeitung für Kinder und
Jugendliche heraus, die noch ganz altmodisch von einer Wachsmatrize abgezogen wird. Das tut der Begeisterung aber keinen
Abbruch. Adriane Branco, die Projektleiterin, der es sichtlich darum geht, dass die Kinder ihre Arbeit selbst erklären und ihre
Ideen und Initiativen mit eigenen Worten vorstellen, erklärt ganz nüchtern: “Wir können mit dieser Kindertagesstätte und dem
SERPAF-Zentrum die wirtschaftlichen Probleme der Familien hier am Rand von Sete Lagoas nicht lösen, aber es gelingt uns,
dass die Kinder Selbstbewusstsein entwickeln, Dinge tun, auf die sie stolz sind, lernen, sich besser auszudrücken - und vor allem, sich zu beteiligen, einzumischen".
"So wollen wir nicht enden!"
Wie das geht, machen die Dosenfotografen immer wieder plastisch vor: Für eine ihrer Serien überzeugten sie die Männer an
den Tischen vor einer der berüchtigtsten Kneipen im Viertel, für sie Modell zu sitzen - mit all den leeren Zuckerrohrschnaps-
und Bierflaschen vor sich, die im Laufe eines durstigen Nachmittags zusammenkommen. Geschlagene drei Minuten lang,
ohne sich zu rühren, ohne das Gesicht zu verziehen. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Schwarzweißbild, das eines
der Dramen der Stadt auf den Punkt bringt. “Aber sie gehören doch auch dazu", sagt Tátila, “nur, so wollen wir nicht enden!"