Rundbrief von Mientje Wilts      November 2006
 

     

    Sete Lagoas, Donnerstag, der 12.10.2006

    Quer mais!” (Ich will mehr!) fordert der 6 jährige Flavío. Ich stehe an der Theke, die die Küche von dem großen überdachten Hof der Creche trennt und auf der das Mittagessen für die 109 Kinder in großen Schüsseln steht.

    Auf dem Hof der Creche, dem Kindergarten von Serpaf für 3- bis 6 Jährige, stehen 6 kleine blaue Tische und Bänke, an denen die Kinder frühstücken, Mittag essen, nachmittags Tee trinken und bevor sie um 4 Uhr abgeholt werden, nochmals eine warme Mahlzeit bekommen.

    Vor dem Mittagessen hat Christina, eine der 15 Erzieherinnen, die von den Kindern nur “Tía” (Tante) genannt werden, gezählt, wie viele Kinder anwesend sind. Am Morgen hat es geregnet, daher sind es heute nur 87.

    Es gibt wie immer Reis und Feijao (eine Art Bohnensuppe); dazu gibt es heute Kartoffeln mit Hackfleisch und Salat. Allerdings keinen Milchreis oder Jogurt als Nachtisch. Was großes Bedauern bei den Kindern hervorruft, da es morgens zum Frühstück schon keine Butter auf den sehr leckeren, süßen Brötchen gab (die übrigens in der von Serpaf unterstützten Bäckerei gebacken werden.) und Tee statt Kakao.

    Das Mittagessen verteilen wir auf die Teller und stellen sie schon abgezählt an die Tische der einzelnen Gruppen. Denn sonst wäre das Chaos noch größer, als es so bei 109 hungrigen Kinder, die alle gleichzeitig essen wollen schon ist. Wenn sie Nachschlag wollen, müssen sie sich ihn an der besagten Theke abholen.

    Só Arroz e feijoa!” bestimmt Flavío was ich ihm auftun soll. Es gibt kaum etwas, was die Kinder hier so gerne essen, wie Reis und Bohnensuppe.

    Nachdem ich ihm gegeben habe, was er wollte, flitzt er zu seinem Platz zurück und beginnt schnell zu essen. Er muss sich beeilen, denn der größte Teil seiner Gruppe ist schon fertig und steht in einer langen Schlange bei Tía Angéla an, um die Zahnbürste zu bekommen und auf die Toilette zu gehen. Es ist 11:15 Uhr und die kleineren Kinder haben schon zu Ende gegessen, sind fertig mit Zähneputzen und gehen in ihre Gruppenräume zurück.

    Flavío gehörte zur letzten Gruppe die Essen bekam, jetzt müssen die Tische abgeräumt und die Teller eingesammelt werden. Die Gruppenräume haben wir schon vor dem Essen aufgeräumt und die Matratzen ausgelegt, damit die Kinder ihren Mittagsschlaf halten können. Bei den drei Gruppen der Kleinen ist das kein großes Problem; nach zwei Liedern schläft alles friedlich, aber bei den Größeren fordert es schon etwas mehr Geduld.

    Flavío will heute nicht schlafen und hält auch Thiago und Salmo erfolgreich vom Schlafen ab. “Tía” Angéla ist alleine mit den 25 5-6 jährigen Kindern, die im Februar nach den großen Sommerferien in die Schule gehen werden, und das zerrt ganz schön an ihren Nerven. Kaum dreht sie sich zu den drei Jungs hinüber, fangen die Mädels in der anderen Ecke des Raums an zu flüstern und albern herum. Ich setze mich zwischen Brenda und Sabrina, um sie vom Quatschen abzuhalten. Ich erreiche aber nur, dass sie mir tausend Fragen stellen, und erst recht nicht schlafen wollen. Katharina (die andere Freiwillige in diesem Projekt) und ich sind auch nach mittlerweile 9 Wochen immer noch wahnsinnig interessant. Die Kinder können sich nicht vorstellen, dass wir von soweit her kommen. Letzte Woche fragte mich Brenda: “Aber du schläft (heute Abend doch)in Deutschland, oder?” Und eine Erzieherin fragte uns, wie lange wir denn mit dem Bus nach Sete Lagoas gefahren wären. In diese Gegend verirrt sich außer uns eben kaum ein Ausländer und Touristen gibt es erst recht nicht. Daher finden es die Kinder auch immer sehr witzig, wenn wir zwischendurch ein paar Wörter auf Deutsch wechseln. “Fala de novo!” (Sag es noch mal!) fordern sie dann immer und finden es ganz seltsam, dass sie es nicht, wir uns aber scheinbar verstehen. Dass wir dann auf der anderen Seite kein perfektes Portugiesisch sprechen, löst schlicht Unverständnis aus. Auch die Erzieherinnen können nicht ganz nachvollziehen, dass wir nicht fließend Portugiesisch sprechen und sie scheinen uns deswegen teilweise für etwas unintelligent zu halten. Dabei ist mir hier noch keine über den Weg gelaufen, die eine Fremdsprache spricht.

    Einerseits sagen sie, wenn wir mal ein Wort nicht verstehen “Die Deutschen verstehen nichts!” Und wenn wir dann wiederum mal einen richtigen Satz gesagt haben, heißt es “Euer Portugiesisch ist ja schon so gut!”

    Brenda wird allerdings doch langsam müde. Ich bleibe noch eine Viertelstunde bei ihnen sitzen, bis sie dann fest schlafen. Da Brenda in meinem Arm eingeschlafen ist, versuche ich sie vorsichtig auf die Matratze zu legen und verlasse den Raum. Jetzt haben wir eine Stunde Mittagspause und Katharina und ich setzen uns in die Sonne auf eine der grauen Bänke, die im Hof stehen. Erst  machen wir unsere “Hausaufgaben” für unsere Portugiesisch Stunde am Freitag. Dann bereiten wir den Deutschunterricht für morgen vor. Unser Thema ist “Familie” und wir wollen “Galgenmännchen” mit unseren Schülern spielen. Ob wir das auf Portugiesisch erklären können, weiß ich allerdings nicht. Und Englisch sprechen ja weder die Erzieherinnen noch die Kinder, obwohl sie es in der Schule lernen. Im Jugendzentrum “Nova Cidade” gibt es eine Englischlehrerin, Fernada mit der wir Dienstag und Donnerstag die Intercambio Klasse leiten. Hier sollen Mädchen eigentlich Englisch lernen und Briefe an die Marienschule in Essen verfassen. Aber oft haben sie keine Lust und dann spielen wir mit ihnen oder basteln. Fernanda ist jedenfalls die Einzige, die Englisch spricht. Adrianne, unsere Chefin und die Leiterin des Projekts, lernt es gerade.

    Morgens nimmt Sandra, eine Mitarbeiterin von Serpaf uns mit zur Creche, da das Haus von Katharinas Gastfamilie auf ihrem Weg liegt. Ich fahre zuerst noch mit dem Fahrrad eine Viertelstunde von mir zu ihr, um dann um 8 Uhr in der Creche anzukommen. Den ganzen Morgen, nachdem ich das Frühstück verteilt habe, habe ich in der Gruppe von Angéla verbracht. Die Kinder haben erst einige Zählübungen gemacht, u.a. zählen sie jeden Morgen, wie viele Mädchen und Jungen da sind, und dann wie viel Kinder es insgesamt sind. Außerdem hängt ein Kalender in der Klasse auf dem die Kinder den richtigen Wochentag und das Datum markieren müssen. Dann wird geschrieben. Ich habe die Buntstiftdosen (oben abgeschnittene Plastikflaschen) verteilt, und die stumpfen Bleistifte mit einem Messer gespitzt. Danach hole ich die Hefte, in die alles geschrieben wird was Angéla an der Tafel vorschreibt aus dem Schrank. In sie wird alles eingeklebt, was die Kinder gebastelt haben. Heute sind es drei Sätze zum Thema Hund und Katze. Es hängen nämlich momentan überall Plakate aus, auf denen darüber informiert wird, dass man am Samstag im Jugendzentrum von Serpaf “Nova Cidade” seine Hunde und Katzen kostenlos gegen Tollwut impfen kann. Denn streunende und kranke Tier sind hier nicht selten. Nachdem die Kinder abgeschrieben haben, dürfen sie noch Hunde und Katzen unter das Geschriebene malen.

    Es gibt Kinder in der Klasse, die schon flüssig schreiben und Kinder, denen es schwer fällt sich zu konzentrieren und die viele Fehler machen. Flavío schreibt eigentlich gut, etwas groß und krakelig noch, allerdings lässt er sich sehr schnell ablenken. Deshalb kommt er oft nicht hinterher und wird nicht fertig, mit dem was an der Tafel steht. Er trödelt so lange, dass er noch zu Ende schreiben muss, während die anderen schon spielen dürfen. So auch heute, und es bringt ihn dazu, einen Wutausbruch zu bekommen und in einem Anfall von Trotz nur noch das Gegenteil, von dem was man ihm sagt zu machen. Er treibt es so weit, dass er nicht mitspielen darf, nachdem er fertig ist, sondern neben mir auf einer der Bänke sitzen bleiben muss.

    Nach einer Weile fragt: “Darf ich mit spielen?” Und noch einem Zögern “Bitte?” Da sich Angéla  gerade einen Kaffe holen gegangen ist, nicke ich: “Pode!” (Du darfst) Er springt auf und rennt zu dem Klettergerüst, an dem schon alle anderen herum turnen. Danke und Bitte gehören nicht zur Alltagssprache der Kinder. Wenn ich z.B. sage: “Gib mir die Schere, bitte!” Schauen sie etwas ungläubig. Und wenn ich mich für etwas bedanke, sind sie erst recht verwirrt. Zu Hause ist der Ton eben etwas rauer.

    Brenda kommt auf mich zu gerannt und fällt mir in die Arme. Ich muss mit Fangen spielen und diene nach kurzer Zeit als zweites Klettergerüst.

    Es ist kurz vor 1 Uhr, als wir unsere Sachen zusammenpacken, um uns auf den Weg zur Nova Cidade zu machen. Heute sollen in der Intercambio-Klasse die Weihnachtskarten für die Marienschülerinnen fertig geschrieben werden . Das Jugendzentrum ist mit dem Bus 10 min. von der Creche entfernt. Wir sind dort dienstags bis freitags jeden Nachmittag bis vier Uhr. Entweder geben wir Deutschunterricht oder wir unterrichten die Intercambio Klasse in Englisch. Montags helfen wir in der Backstube, die nur zwei “Straßen”, eher schlammige Wege, voller Schlaglöcher von der Creche entfernt ist, bei einem Backkurs für Müttern, deren Kinder in den Einrichtungen von Serpaf sind und probieren neue Rezepte aus.

    Die Arbeit in allen drei verschiedenen Einrichtungen macht mir viel Spaß und nach anfänglichen sprachlichen und organisatorischen Problemen läuft es immer besser. Nachdem wir einen Arbeitsplan bekommen haben, gibt es auch mehr für uns zu tun und mit jedem Tag, den wir hier sind, und jedem Wort, das wir mehr verstehen, wird die Arbeit interessanter und vielfältiger. Hier mussten sich die Erzieherinnen, wie die Kinder erst einmal an unsere Anwesenheit gewöhnen. Anfangs gingen sie eher davon aus, dass wir, wie die bisherigen Gäste aus Deutschland, nur Besucher sind, und nicht Freiwillige die ein Jahr bleiben, mitarbeiten und helfen wollen. Für alle war und ist es also ein Gewöhnungsprozess.

    Die vierte Einrichtung von Serpaf, die Grundschule und ein weiterer Kindergarten, liegen eine halbe Stunde außerhalb von Sete Lagos, so dass wir sie nur einmal, ganz am Anfang besucht haben und dort wahrscheinlich nicht arbeiten werden, weil es keine Möglichkeit gibt ohne Auto dort hin zu kommen.

    Ich erlebe hier selbst nach 9 Wochen jeden Moment Neues und Unbekanntes. Portugiesisch fordert immer noch viel Konzentration von mir. Die habe ich abends oft nicht mehr, um zu verstehen, worum es geht.

    Die Zeit ist bis jetzt rasend schnell vergangen und es scheint mir so unglaublich viel passiert zu sein.

    Es liegen nun noch 10 Monate vor mir, in denen ich sicher noch viel mehr Neues und Unbekanntes erleben werde. Auf uns warten noch viele interessante und aufregende Aufgaben! Ich freue mich darauf.

    PS.: Mal sehen wie Brenda und Flavío sich in dieser Zeit entwickeln werden.