2. Zwischenbericht von Katharina Runnebom
 

     

    Brasilien, das größte Land Südamerikas ist 24 mal so groß wie Deutschland! Man kann sich 5 Tage in den Bus setzen und befindet sich immer noch in Brasilien. Somit ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass für die meisten Brasilianer nur Brasilien exsistiert. Dies zeigt sich allerdings aber auch in einer gewissen Intoleranz gegenüber Ausländern. Fremde Kulturen kennen sie meist nicht und über Fremdsprachenkenntnisse verfügen sowieso nur die aller wenigsten. Stattdessen halten viele einen für dumm, wenn man nicht fließend Portugiesisch spricht. Es fällt vielen sichtlich schwer, mit mir als Ausländerin umzugehen.

    Das Land in Kürze zu beschreiben geht eigentlich kaum. Denn man kann nicht von dem einen, typischen Brasilien sprechen, oder vom typischen brasilianischen Landsmann. Brasilien hat -zig Gesichter! Regenwald im Norden, wo zum Teil Índios leben, Traumstrände und endlose Dürren im Nordosten, wo der größte Teil der Bevölkerung schwarz ist und wo die größte Armut in Brasilien herrscht, bergige grüne Landschaft in Minas Gerais bis runter zur Küste, zu den bekanntesten Städten wie Rio de Janeiro, weiter im Norden Salvador da Bahia, oder São Paulo Richtung Süden....

    Genauso wenig lässt sich auch von der einen brasilianischen Kultur sprechen. Aber was alle Brasilianer sicherlich gemein haben, ist ihr großer Nationalstolz. Und eine Art Lebensgefühl, welches meist von nicht enden wollendem Optimismus geprägt ist. Außerdem verbindet sie als einzig portugiesisch sprechendes Land Südamerikas, die portugiesische Sprache.

    Man könnte natürlich zur Beschreibung der brasilianischen Kultur Schlagwörter wie ”Samba”, ”Cachaça” oder ”Carneval” einwerfen, aber Brasilien ist natürlich viel mehr als das, und schwer in Worte zu fassen...!

    Das wahrscheinlich Wichtigste für die meisten Brasilianer ist die eigene Familie! Mit 20 Jahren für ein Jahr ins Ausland zu gehen und ein Jahr lang seine Familie nicht zu sehen, ist für die meisten unvorstellbar. Häufig wird mir die Frage gestellt ,ob ich kein Heimweh haben würde!

    Die Brasilianer sind unheimlich gastfreundlich und man ist überall herzlich willkommen um zu essen, zu nächtigen und sich wie zu Hause zu fühlen. Misstrauen gegenüber fremden Leuten, haben sie kaum. Diese Art zeigt sich aber auch schon wieder in einer übertriebenen Art von Freundlichkeit. Alle sind zunächst ganz interessiert an einem, aber wer sich wirklich für einen interessiert, das zeigt sich dann mit der Zeit.

    Sie haben auch eine andere Vorstellung von Körperdistanz, Berührungen gehören zu ziemlich jeder Konversation dazu! Manchmal ist mir die deutsche Distanziertheit lieber, denn da weiß man eher woran man ist und es sind nicht alle scheinheilig freundlich...Dass die Brasilianer alles total toll und schön finden, kann man ihnen natürlich auch positiv anrechnen.

    Es ist ein Land, in dem Korruption Teil der politischen Kultur ist, ein Land, wo es eine so ungleiche Verteilung von Geld und Besitz gibt, wie es in keinem andern Land zu finden ist, wo eine soziale Ungleichheit herrscht, die sich seit der Sklavenzeit nicht wirklich verbessert hat.

    Auch wenn Brasilien als Schwellenland bezeichnet wird, haben von dieser, eigentlich positiven Entwicklung die unteren Schichten herzlich wenig abbekommen. Die Chancenungleichheit gilt für Bildung und Arbeit, Wohnen sowie ärztliche Versorgung. Es existiert halt nur ein soziales System für die oberen Klassen. Dennoch zieht sich Optimismus durch alle Klassen, ganz im Gegensatz zum jammernden, verwöhnten deutschen Volk.

    Im letzten Jahr wurde für weitere 4 Jahre Lula, der ”PT” Partei, zum Präsidenten gewählt, womit Brasilien weiterhin mittig-links geführt wird! Hinter Lula steht vor allem die Arbeiterschicht und die im allgemeinen ärmere Bevölkerung. In ihn wird viel Hoffnung gesetzt und gerade im ärmeren Nordosten meinen einige, dass Resultate zu spüren sind?! Vielleicht schafft er es wirklich, ein bisschen mehr Chancengleichheit für alle zu bringen, oder aber seine Kariere wird durch einen großen Skandal beendet, was sicherlich nicht auszuschließen wäre!

    Im allgemeinen besteht kein großes Interesse an Politik. Politik wird als langweilig abgetan und Wahlen werden als Pflicht gesehen...Obwohl ja gerade für ein Land wie Brasilien Politik so wichtig ist, weiß einfach keiner wirklich Bescheid und lässt sich vom Fernsehen blenden! Denn der Fernseher läuft so gut wie immer und verschweigt den Leuten das, was sie nicht wissen sollen! Zum Beispiel haben wir hier, quasi vor Ort, von den letzten heftigen Schiessereien in Rio nur aus den deutschen Nachrichten gehört... Außerdem interessieren sich eigentlich sowieso alle nur für die Telenovelas und Big Brother-Brasil!

    Brasilien ist das größte katholische Land der Erde. Allerdings geht kaum noch einer  regelmäßig oder überhaupt noch in die Messe. Aber einen Rosenkranz hat so ziemlich jeder! Es geht auch den meisten eher darum ,den persönlichen Glauben zu finden! Und oft sind sie eher mystisch als religiös veranlagt. Zum Beispiel in Bahia vermischt sich der Katholizismus mit dem mystischen Candomblé. Eine afrikanische Religion, die die afrikanischen Sklaven nach Brasilien gebracht haben. Und an Wunder glauben so gut wie alle.

    Es gibt auch eine wachsende Minderheit von protestantischen Glaubensrichtungen. Aber “evangelisch” bedeutet hier nicht gleich “evangelisch” zu sein! Einige Gruppierungen erinnern an sektenartige Zusammenschlüsse! Einige sind vorderrangig auf Geld aus, was sich durch einige prunkvolle “Paläste”, die ihre Kirchen darstellen sollen, zeigt.

    Aber viele Dinge neben den religiösen Aspekten, laufen hier natürlich anders als in Deutschland...Das fängt beim Essen an, denn jeden Tag gibt es Reis mit Bohnen, das geht übers Klopapier, das man in einen Mülleimer schmeißt, anstatt ins Klo, weiter geht’s zu den Hausmädchen, die jede Familie einstellt, sobald sie das Geld dafür haben, alle Häuser, außerhalb von Favelas, sind von Mauern oder Zäunen umgeben und vor den Fenstern sind Gitter angebracht, die vor Einbrüchen schützen sollen, überall stehen irgendwelche Pferde in der Gegend rum.... nur um ein paar Beispiele genannt zu haben.

    In Deutschland ist es ja normalerweise nicht nötig, dass man schon den Kindergartenkindern versucht einzutrichtern, dass sie sich erst verlieben dürfen, wenn sie die Schule beendet haben und eine Arbeit vorweisen können! Denn es ist nicht ungewöhnlich, wenn man mit 2 Gleichaltrigen, 19/21-Jährigen, zusammen sitzt, die Kinder zwischen 2 und 6 Jahren haben... Gerade in ärmeren Verhältnissen sieht man unheimlich viel junge Mütter mit mehreren Kindern, die allerdings auch alle total unterschiedlich aussehen, schwarze krause Locken, braune glatte Haare, blonde Löckchen... was auf unterschiedliche Väter zurückzuführen ist, von denen oft nicht einer mehr da ist, um sich um “seine” Familie zu kümmern! Was oft auch dazu führt, dass einige Kinder natürlich total vernachlässigt werden. Und oft in jungen Jahren die gleichen Fehler wie ihre Mütter machen...Es ist echt eine Ausnahme, intakte Familien in ärmeren Verhältnissen zu sehen.

    Rein platonische Freundschaften zwischen Männlein und Weiblein sind äußerst selten und oft scheinbar unmöglich. Nicht selten vergnügt sich einfach mal “jeder mit jedem”...

    Aufs äußerliche wird unheimlich viel Wert gelegt. Wer nichts aus sich macht, wird von den meisten ausgeschlossen. Man sieht auch oft keinen äußerlichen Unterschied von arm und reich, weil sich auch die Ärmeren meist bestens zurecht machen.

    Brasilien muss man erleben, um Kultur, Land und Leute zu verstehen! Aber selbst ein Jahr ist dafür eigentlich noch zu kurz....

    Katharina Runnebom

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