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Meterweit hängen die in buntes Glanzpapier eingepackten dicken Ostereier aus Schokolade im Supermarkt von der Decke. Ein süßer Himmel, aber nicht für alle erreichbar, denn die Preise hängen ebenfalls hoch, Schokolade ist etwas Teures. So werden in Feinstarbeit hunderte von Ostereiern selbst gemacht, Schokolade geraspelt, geschmolzen, in Formen gegossen, zum Vernaschen und zum Verkauf – ein kleiner Nebenverdienst für die vielen, die nur einen Mindestlohn von etwa 2 € pro Stunde verdienen. Aber Ostern bedeutet nicht nur Schokoladeneiersuchen(dieser Brauch ist hier bekannt): “Páscoa é vida” – “Ostern ist Leben” – steht auf weißem Stoff am Eingangstor zur Kindertagesstätte von Serpaf. Wir versammeln uns mit allen Kindern und Erzieherinnen und eine Gruppe präsentiert stolz ein erlerntes Ostergedicht. Danach singen wir ein brasilianisches Osterlied mit Bewegungen passend zum Text. Die Osterhasenbilder schmücken schon die Räume, jetzt fehlen nur noch wir! 100 Osterhäschen mit Papiermasken hüpfen herum und freuen sich auf das Schokoherz am Stiel, um dann nach einem Platzregen, der Sturzbäche durch die unbefestigten Straßen von Verde Vale ( “Grünen Tal”) fließen lässt, von Mama, Papa, großem Bruder oder dem Kindermädchen abgeholt zu werden.
Hartgekochte Eier am Ostersonntag sind hier keine Tradition. Die Idee, mit unserer Gruppe im Jugendzentrum “Nova Cidade” einen hübschen Eierbecher nach Anleitung aus dem deutschen Bastelbuch zu gestalten, das uns der AK Serpaf geschickt hat, lassen wir also fallen. Wir wollen etwas basteln, was kreativ, aber nicht material- und kostenaufwendig ist. Die 13 Kinder zwischen 7 und 12, für die Viola und ich an zwei Nachmittagen pro Woche als “Professoras” verantwortlich sind, lieben alles, was Malen oder Basteln bedeutet. So machen wir das folgende: Zeitung in unterschiedlich kleine Vierecke schneiden und mit Farben bepinseln. Nach dem Trocknen 3x falten und einen Bogen schneiden. Öffnen und – schon haben wir eine wunderschöne Blüte. Verschiedenfarbige Blüten aufeinander geklebt, noch schnell ein paar grüne Blätter ausgeschnitten, auf ein weißes Papier geklebt und fertig ist die Osterkarte. Viele liebe Zeilen werden von den Kindern geschrieben, zahlenmäßiger Gewinner der Empfänger ist die Mutter! Wem wollen wir denn hier in der Nova Cidade einen Ostergruß senden? Die Mehrheit stimmt für
Jaqueline, eine herzensgute Professora. Und Viola und ich – erhalten auch eine Karte! Die katholische Kirche feiert die Semana Santa, die Heilige Woche, mit Gottesdiensten und Prozessionen. Im barocken Städtchen Diamantina – gelegen in einer atemberaubenden bergigen Landschaft und berühmt und einstmals reich durch die vielen Edelsteinvorkommen– streuen viele eifrige Hände sonntags früh bunten Sand und Sägespäne zu Bildern auf die Pflastersteine: ein weißes Osterlamm, ein Kelch, ein Engel, ein Schwert, verschiedene Muster. Nach dem Gottesdienst in der großen Kirche setzt sich die Prozession in Bewegung. Aus dem Eingangsportal, das mit rotem Stoff verhängt ist, tritt der hohe Geistliche hervor – vier Männer halten ein goldenes Tuch als Schutz gegen die heiße Sonne über ihn. Vor ihm Kinder in weißen Hemdchen und Engelsflügeln am Rücken, hinter ihm folgen Jünger und ein Jesus, über den bunten Weg. Dahinter marschiert die Blaskapelle der städtischen Militärpolizei.
Ich betrachte das Geschehen von einem der vielen mit bunt gehäkelten oder bestickten Balkone aus. Die Menschenmenge schreitet zu Seiten des gestreuten Weges und murmelt ehrfürchtig ein Vaterunser und Santa Maria nach dem anderen. Wieder am Kirchplatz angekommen, lädt der Geistliche (vielleicht ein Bischof?) die Menschen ein, doch ein wenig Zeit in der Kirche mit Jesus zu verbringen. Ein wenig Zeit in Stille, in Gedanken an ihn – das ist schon Beten, ermutigt er die, die zweifeln, was Beten denn bedeutet. Wie bei Verliebten sei das, sagt er, die auch nicht immer Worte finden, um ihre Liebe auszudrücken, sondern einfach die Anwesenheit des anderen genießen. Es wird gebetet, ein paar ältere Frauen knien sich auf die Steine, andere kaufen sich Zuckerwatte oder eine Cola. Die Blaskapelle spielt noch rasch die brasilianische Nationalhymne (klingt fast wie eine Opernarie), dann verläuft sich die Menge bis auf ein paar Jugendliche, alle Läden schließen, die Fenster verstecken sich hinter Gardinen und Fensterläden und es kehrt Ruhe ein. Mit vielen Grüßen an alle Leser, Freunde von Serpaf und meine Unterstützer! Sophia Deck |
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