Viola Rebekka Kammertöns Freiwilliger Friedensdienst in Brasilien

1. Rundbrief, November 2007

Mein Projekt & meine Arbeit
 

     

    Liebe Unterstützer, Freunde und Interessierte!

    Vor 2 Monaten habe ich mich nun endlich – nach 6 Monaten intensiver Vorbereitung in Deutschland – auf den Weg nach Brasilien gemacht. Ich habe meinen Freiwilligen Friedensdienst im Projekt SERPAF in dem kleinen Städtchen “Sete Lagoas” im Südosten Brasiliens begonnen.

    Höchste Zeit also, euch/Ihnen von der Anfangszeit und Eingewöhnungsphase zu erzählen.

    In diesem ersten Rundbrief berichte ich euch/Ihnen in erster Linie von meinem Projekt SERPAF und meiner Arbeit dort.

     

    Mein Projekt

    SERPAF gliedert sich in die 5 folgenden Einrichtungen:

    Die Creche (Kindertagesstätte) bietet täglich 120 Kindern im Alter von 2-5 Jahren von

    08:00h – 16:20h Unterschlupf. Die Kinder sind ihrem Alter nach in Gruppen aufgeteilt.

    Die 2 und 3 Jährigen spielen, malen, singen und werden langsam an das Alphabet und die Zahlen herangeführt. Der Schwerpunkt liegt hier noch auf der spielerischen Arbeit mit den Kindern.

    Die 4 und 5 Jährigen besuchen schon die so genannte 1. Período und 2. Período, die in etwa der dt. ehemaligen Vorschule entspricht; die Kinder lernen die Zahlen von 1-10, die Buchstaben und Silben und bearbeiten täglich mind. ein Arbeitsblatt/ machen die so genannten “trabalinhos” (kleine Arbeiten). Zwar wird hier auch noch gemalt und teilweise gespielt, doch werden die Kinder gezielt auf die Schule vorbereitet.

    In der Creche bekommen die Kinder außerdem 4 Mahlzeiten am Tag.

     In die Tageseinrichtung für Kinder & Jugendliche (im Folgenden nur Nova Cidade genannt, nach dem Stadtteil, in dem die Einrichtung liegt) im Alter von 7 – 18 Jahren kommen jene entweder von 08:00h – 12:00h vor, oder von 12:00h – 16:20h nach der Schule. Das Schulsystem in Brasilien ist zweigeteilt, entweder geht man vormittags oder nachmittags in die Schule.

    Außerdem gibt es zwei Blöcke in der Nova Cidade: die Montags-, Mittwochs-, Freitagskinder und die Dienstags- und Donnerstagskinder.

    So bietet die Nova Cidade  insgesamt ca. 400 Kinder einen Raum für deren Freizeit.

    Die Kinder & Jugendlichen haben ihre festen Gruppen und Professoras. Hier haben sie nicht nur die Möglichkeit ihre Hausaufgaben zu machen, sondern basteln viel mit Verpackungsmaterial, lernen, dass man schöne Dinge aus schon verwendeten Produkten herstellen kann (z.B. werden Kerzenständer aus Plastikflaschen, Untersetzer oder Flaschenhalter aus Zeitungsröllchen, Aufbewahrungsboxen aus alten Videokassettenhüllen gebastelt) und in Gruppenspielen werden ihre sozialen Kompetenzen gefördert.

    Es gibt auch feste “Profilgruppen”, wie die Jovens Jornalistas (Junge Journalisten), die sich kritisch mit ihrem Leben und ihrer Umwelt auseinandersetzen und monatlich fast die ganze 6seitige Stadtteilzeitung mit ihren Artikeln, Reportagen und Interviews füllen (jeden Monat wird eines der Kinder- und Jugendrechte schwerpunktmäßig bearbeitet), die Förder- und Nachhilfegruppe, die Handarbeitsgruppe und die Koch- und Backgruppe.

    Auch hier bekommen die Kinder & Jugendlichen vormittags und nachmittags jeweils 2 Mahlzeiten.

     im Stadtteil Barreiro, der außerhalb der Stadt schon in der zona rural (ländliche Zone) liegt, gibt es eine Nachmittagseinrichtung für Kinder & Jugendliche, die ähnlich wie die Nova Cidade aufgebaut ist.

    Leider hatte ich bis jetzt noch nicht die Möglichkeit diese Projekteinrichtung kennen zu lernen.

     In der Cooperativa sind die Bäckerei, Nähstube, Stickstube und Cipó-Werkstatt (Arbeiten aus Lianenholz) untergebracht. In diesen Werkstätten werden Kurse für die Mütter von SERPAF-Kindern sowie Frauen aus dem Stadtteil angeboten.

    Die dort hergestellten Arbeiten werden verkauft. Die Bäckerei backt  täglich 450 süße Brötchen allein für die 3 Kinder- & Jugendleinrichtungen SERPAFs, verkauft das in den Kursen Gebackene direkt vor Ort und arbeitet auf Bestellung.

     In der Schreinerei werden die in der Cooperativa und vor Ort selber hergestellten Arbeiten, Gegenstände (z.B. kleine Kästchen/Schachteln, Bilderrahmen) aus Lianenholz weiterverarbeitet und fertig gestellt.

    So richtet sich SERPAF als Sozialprojekt nicht nur an Kinder & Jugendliche aus den ärmeren Stadtteilen Sete Lagoas, sondern arbeitet gezielt mit den Familien als Ganzes und fördert diese.

     

    Meine Arbeit

    Die ersten 5 Wochen habe ich meine zukünftigen zwei Hauptarbeitsstellen, die Creche und die Nova Cidade kennengelernt.

    2 Wochen lang war ich ganztags in der Creche, habe alle Gruppen mit ihren Educadoras und den Alltag kennen gelernt, im Schweiße meines Angesichts das kleine Karussel – vollbeladen mit 5 Kindern – immer und immer wieder angeschoben, Kinder geknuddelt, mit ihnen Hoppe-hoppe-Reiter gespielt, Essen mit ausgeteilt und Mittags versucht 20 nicht zur Ruhe kommen wollende Kinder zum Einschlafen zu animieren.

    Die darauf folgenden 2 Wochen habe ich ganztägig in der Nova Cidade verbracht. Auch dort habe ich nacheinander alle Gruppen und Professoras sowie deren Arbeit kennen gelernt und miterlebt. Hier war ich eher Beobachter und habe das Programm der Professoras mit den Kindern & Jugendlichen mit gemacht, mit gespielt, die ganzen neugierigen Fragen der Kinder & Jugendlichen so gut es ging mit meinem Portugiesisch beantwortet, selber tausend Fragen gestellt um meinen Wissensdurst bzgl. SERPAF zu stillen, etc.

    Die letzte der 5 Kennlern-Wochen war die “semana das crianças” (Woche der Kinder), mit besonderem Unterhaltungs- und Spielprogramm, die ich teilweise in der Nova Cidade, als auch in der Creche verbracht habe.

    Mein Arbeitsplan

    Nach einer Woche Ferien ging es nun los mit meinem Arbeitsplan, den ich zusammen mit Adriane, der Direktorin von SERPAF, entwickelt habe.

    So bin ich nun insgesamt 2 volle Tage in der Creche, wovon ich einen Tag in der 1. Período mit den 5 Jährigen verbringe und einen Tag zusammen mit Sophia, meiner Mitfreiwilligen, abwechselnd allen Kindern der Creche Raum und Zeit biete draußen mit uns frei zu spielen.

    Weitere 2 volle Tage arbeite ich in der Nova Cidade. Vormittags gebe ich Förder- und Nachhilfeunterricht, den einen Nachmittag habe ich zwei Englischgruppen und den anderen haben Sophia und ich zusammen eine Musik & Theater Gruppe, in der wir  Spiele zur Förderung des Körperbewusstseins spielen, Musikinstrumente aus “Müll” basteln und kleine Szenen einstudieren wollen.

    Einen Nachmittag bin ich zusammen mit Sophia in der Cooperativa in der Bäckerei. Bis jetzt haben wir dort an einem Backkurs mit 3 Müttern von SERPAF-Kindern teilgenommen. Der Kurs ist jetzt vorbei und Sophia und ich werden von nun an Sonia, der Bäckerin, bei den Kursen mit den Müttern oder in der Backstube selber helfen.

    Seit letzter Woche verbringen Sophia und ich einen Nachmittag damit die Partnerschaftsarbeit mit dem SERPAF Arbeitskreis in Essen-Werden zu verbessern. Seit 1999 unterstützen die Ev. Kirchengemeinde und die Propsteigemeinde St. Ludgerus sowie das Mariengymnasium aus Essen-Werden SERPAF als Partnerschaftprojekt. An diesem Nachmittag in der Woche wollen wir zusammen mit interessierten Jugendlichen aus der Nova Cidade den interkulturellen Austausch zwischen den engagierten Jugendlichen des Mariengymnasiums, den Spendern und allen Interessierten in Essen-Werden fördern und gestalten. Ich finde diese Arbeit besonders wichtig, da sie den Blick der Jugendlichen hier und aller Beteiligten in Essen-Werden weitet, Raum und Zeit bietet die Partnerschaft zu intensivieren, zwei Kulturen mit ihren Menschen näher zusammen bringt und den Gedanken der “Einen Welt” fördert.

     

    Ein Tag in der Creche

    Laura kommt mir schon im Flur freudestrahlend entgegen gerannt und zeigt auf ihre neuen FlipFlops, die ich bewundern soll. Sie klammert sich an mich und möchte auf den Arm genommen werden. Diesen Wunsch kann ich ihr natürlich nicht abschlagen! Nachdem wir beide und alle anderen 24 5jährigen Kinder der 2. Período im kleinen Gruppenraum angekommen sind und die Kinder mich lautstark im Chor begrüßt haben, geht es auch schon wieder nach draußen auf den Hof zu unserem Essenstisch und die Kinder warten darauf, dass ich die süßen Brötchen und den Kakao von der Küchentheke hole. Nach dem Frühstück heißt es heute Zahlen lernen. Tia Lúcia und ich (die Erzieherinnen werden von den Kindern immer nur “tia” = Tante genannt) schieben die Tische im Raum zu recht, verteilen Stifte, Hefte und Arbeitsblätter. Heute sollen Zahlen zu geometrischen Formen erst miteinander verbunden und anschließend ausgemalt werden. Ich gehe herum und helfe denjenigen Kindern, die Schwierigkeiten dabei haben.

    Nachdem alle fertig sind, ihr Blatt zurechtgeschnitten und tia Lúcia und ich sie in die Hefte geklebt haben, gehen wir nach draußen auf den Hof in die Pause, wo die Kinder frei spielen können. Laura kommt mit ihren Freundinnen auf mich zu gerannt und funktioniert mich kurzerhand zum Abendteuerspielplatz um. Schon um 10:45h gibt es Mittagessen – Reis mit pürierten Bohnen gibt es jeden Tag – heute dazu Kartoffelbrei mit Hackfleisch und Tomaten. Nach einer halben Stunde sind alle hungrigen Kinderbäuche voll und müssen nun Mittagsschlaf halten. Das ist gar nicht so leicht 25 Kinder dazu zu bekommen, die Äuglein zu schließen, sich zu entspannen und einzuschlafen. Nach 2 Stunden Mittagsschlaf wackeln die Kinder ganz verschlafen und zerknautscht auf den Hof, denn jetzt gibt’s wieder die leckeren süßen Brötchen und Kakao. Danach rollt tia Ivone (während des Mittagsschlafes ist tia Lúcia gegangen und Ivone gekommen) den Fernseher in den Gruppenraum, denn heute dürfen wir einen Kinderfilm sehen. Die anfängliche Freude lässt schnell nach, schon nach 15 Minuten kabbeln sich die ersten, Laura will aufs Klo, andere können nicht mehr still sitzen, doch der Film wird die nächsten 2 Std. weitergeguckt. Die Kinder sind nun außer Rand und Band und so beschließt tia Lúcia mit allen nach draußen zu gehen und noch ein bisschen Seilchen zu springen, bis die Kinder abgeholt werden. Zur Verabschiedung bekomm ich noch einen Kuss von Laura und sie rennt mit ihrem kleinen Rucksack zum Tor, wo ihre Mutter auf sie wartet.

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