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1. Rundbrief von Sophia Deck aus Sete Lagoas, Brasilien,
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Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, liebe Freunde!
10 Wochen bin ich nun schon hier – eigentlich unglaublich für mich, dass es jetzt schon Zeit ist, den ersten Rundbrief zu schreiben, einen ersten Rückblick auf das zu werfen, was ich bisher hier in meinem Projekt Serpaf - Serviços de Promoção ao Menor e à Família in Sete Lagoas im Südosten Brasiliens erlebt habe. Viel Neues habe ich erfahren, viele unterschiedliche Menschen kennengelernt und jeden Tag lebe ich mich ein Stück mehr ein.
Es gibt fünf Projektstellen: eine Kindertagesstätte (Creche), eine Tageseinrichtung für etwa 400 Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren (nach dem Stadtteil Nova Cidade genannt), ein Zentrum, in dem verschiedene Werkstätten und eine Bäckerei untergebracht sind, eine weitere Schreinerei und eine Schule, in der das Projekt am Nachmittag die Schulkinder betreut. Ich arbeite in den drei erstgenannten Einrichtungen, die ich euch nun in hier beschreiben werde. Die ersten zwei Wochen lernten meine Mit- Freiwillige Viola und ich die Creche kennen. Dort verbrachten wir den Tag von 8:00 bis 16:30 Uhr in den verschiedenen Gruppen, von denen es 5 gibt. Die Kinder sind hier nach Alter aufgeteilt und dementsprechend gestaltet sich ihr Tagesablauf unterschiedlich. Für die Kleineren (etwa 2-4 Jahre) ist die Creche mehr wie eine Kindertagesstätte, wo sie spielen, singen, malen, kneten oder Kinderfilme gucken. Für die Größeren (4-6 Jahre) ist die Creche eine Art Vorschule, wo sie schon schreiben und zählen lernen. Wir halfen in den Gruppen bei den verschiedenen Aktivitäten mit und spielten mit den Kindern auf dem Hof. Für jede Gruppe gibt es eine bestimmte Pausenzeit, denn wenn alle Kinder (an die hundert sind täglich da) auf einmal auf dem Hof sein würden, wäre gar kein Platz mehr da zum Rennen, Toben, Fangen spielen und das einzige Klettergerüst mit Rutsche wäre völlig überfüllt.
Nach dem Mittagessen heißt es hier Mittagsschlaf zu halten, sowohl die Kleinen als auch die Großen, was diese gerne dazu verlockt, die “Tias” (wörtlich: Tanten, so werden hier die Erzieherinnen genannt) durch Tuscheln und immer wieder Aufstehen (zum Beispiel weil man angeblich schon wieder auf´s Klo müsste) auf Trab zu halten. Wenn dann irgendwann Ruhe eingekehrt ist, können wir ebenfalls ein bisschen dösen oder uns nach draußen setzen. Die Hitze (es ist jetzt tagsüber an die 40 Grad heiß - Frühlingssonne!) und die Kinder lassen einen aber meistens ganz schön müde werden... Das Jugendzentrum liegt zwar nur 20 Minuten zu Fuß von der Creche entfernt, allerdings in einem anderen Stadtteil. Das merkt man deutlich. Die Creche liegt in einem sehr armen Viertel (Verde Vale) am Stadtrand. Dort ist es fast dörflich, mit unbefestigten Straßen aus Erde und Sand, nur teilweise gibt es ein Stück mit Pflastersteinen. Die Häuser sind aus unverputzten Ziegelsteinen gebaut und sehen irgendwie unfertig aus. Auf einem Wiesenstück grasen frei herum laufende Kühe und Pferde. In der Nova Cidade ist es “städtischer”, es gibt Straßen und verputzte Häuser, die sich hinter Mauern verstecken, allerdings ist auch dieser Stadtteil einer der ärmeren der Stadt. In die Tagesstätte in der Nova Cidade kommen die Kinder und Jugendlichen halbtags, vor bzw. nach der Schule, die hier auch nachmittags stattfindet. Auch hier habe ich erst einmal die verschiedenen Gruppen kennengelernt. Es gibt eine Gruppe, die aus schmalen Zeitungsröllchen Stiftebecher und andere kleine Gegenstände bastelt. Am Zeitungspapier-Rollen habe ich mich auch mal versucht, das ist gar nicht so einfach! Eine “Artesanato”- Gruppe stellt bunten Schmuck, Kissenbezüge, Schlüsselanhänger und ähnliche Dinge her, andere nutzen wiederverwendbares Material, um z.B. leere Milchtüten in hübsch verzierte Geschenktüten zu verwandeln. All das wird zum Teil verkauft.
Für Kinder mit großen schulischen Schwierigkeiten gibt es eine Gruppe, in der sie Hausaufgaben und Übungen machen können. Die meisten anderen Gruppen haben keine bestimmten Aktivitäten, sondern dort können die Kinder je nach Alter spielen, malen oder Lernspiele am PC machen. Für jeweils zwei Monate bearbeiten die Kinder ein Thema, das von einem Mütter-Komiteé vorgeschlagen wird. In diesen Wochen war es das Thema “Werte”. Am Ende einer solchen Einheit werden die Eltern eingeladen (wovon leider nicht viele kommen) und die Kinder stellen z.B. kleine Texte und Lieder vor. Dann gibt es die Jovens Jornalistas, die Jungen Journalisten. Sie leisten eine ganz herausragende Arbeit: in einer monatlich erscheinenden, bekannten Stadtzeitung gestalten sie 6 Seiten mit Artikeln, Interviews und Fotos. In jedem Monat bearbeiten sie einen anderen Artikel aus dem estatuto de criança e do adolescente, einem Statut über die Rechte der Kinder und Heranwachsenden, herausgegeben von der República Federativa do Brasil, dem Sekretariat für Menschenrechte und dem Erziehungsministerium. Sie recherchieren dazu im Internet und befragen Menschen aus Sete Lagoas. Auf diese Weise beschäftigen sich die Jugendlichen mit ihrer Umwelt, mit Politik und Realitäten ihres Landes und lernen, sich kritisch und selbstbewusst damit auseinander zu setzen. In ihrer Redaktionsarbeit werden sie zusätzlich von einer Journalistik-Studentin unterstützt. Natürlich wird auch über Serpaf selbst berichtet und so erschien in der Oktoberausgabe ein Interview mit Foto von Viola und mir, worin es darum ging, wer wir Freiwilligen sind, warum wir hier bei Serpaf arbeiten, was neu und anders für uns ist, was uns gefällt etc. Zur Zeit ist zusätzlich ein Buch in Arbeit, das die Kinder von Serpaf gestalten und das dann in Druck gehen soll. Zum Thema “Werte” schreiben sie Gedichte und kleine Texte, malen Bilder und schießen Fotos. Da die Gedichte auf Portugiesisch und Englisch abgedruckt werden sollen, konnten wir hieran mitarbeiten, indem wir sie schon mal “vor”-übersetzten. Hier kann nämlich so gut wie keiner Englisch sprechen, weder von den Jugendlichen noch von den Professoras, den “Lehrerinnen”. Es gibt zwar Englisch- Unterricht in der Schule, doch müssen die Schüler hier selber nicht so aktiv werden, in der Fremdsprache sprechen und eigene Texte schreiben. Nach den Wochen des Kennenlernens hatten sich bei uns beiden Freiwilligen schon viele Ideen entwickelt, wie wir unsere Zeit hier für die Kinder sinnvoll einsetzen wollen. Zum Glück ist die junge Direktorin von Serpaf, Adriane, sehr offen für unsere Ideen und hat uns ganz frei in der Gestaltung unseres Arbeitsplans gelassen. Wir haben uns bestimmte Aufgaben gesucht, die uns wichtig erscheinen und so habe ich nun wirklich das Gefühl, hier meinen Platz gefunden zu haben. In der Creche habe ich meine feste Gruppe bei den Kleinsten (2-3 Jahre). “Tia! Titia Sophia!” rufen sie, wenn ich morgens hereinkomme. Sie sind ganz wild darauf, dass ich sie auf den Schoß nehme, wo ich sie ein bisschen schaukele, ihnen etwas vorsinge oder sie einfach in den Arm nehme. Und wenn sie dann einmal auf meinen Beinen sitzen, wollen sie gar nicht mehr herunter, sodass ich manchmal vier Kindern auf einmal im Arm habe. Sie sind sehr liebebedürftig. Als dritte Erzieherin möchte ich den Kindern etwas mehr Geduld und Nähe entgegenbringen, als die beiden anderen es bei 20 Kleinkindern schaffen. Es gibt immer ein Kind zu trösten, Händchen zu waschen, ein nasses T-Shirt zu wechseln, Streit um Spielzeug zu schlichten; zwischen den Kindern kann es bisweilen sehr aggressiv zugehen. Das Spielzeug ist dementsprechend ziemlich lädiert. So nahm ich eines Morgens mein Reise-Nähzeug mit und fragte, ob ich die Puppen, die ihre sämtlichen Körperteile verlieren, wieder zusammenflicken könnte. Es gibt natürlich auch die schüchternen (oder eingeschüchterten) Kinder, bei denen ich mich besonders freue, wenn sie mich ansprechen und mir so Vertrauen entgegen bringen. Andere zeigen wiederum ganz deutlich, dass sie keine Hilfe brauchen – wie zum Beispiel Vítor, der seine Bilder jedes Mal ganz alleine mit einer Wäscheklammer an der Leine an der Wand befestigen will, so oft auch eins der beiden Dinge – Bild oder Klammer – wieder herunterfallen.
Einen Nachmittag in der Woche habe ich zwei Englisch-Gruppen. Bei mir müssen sie immer viel sprechen; manche trauen sich gar nicht und dann sagen sie: “Oh Professora, in der Schule ist der Unterricht ganz anders.” So etwas sind sie gar nicht gewöhnt, und ich erkläre ihnen dann, dass ich ja auch die ganze Zeit Portugiesisch sprechen muss, dass es für mich ebenso schwer ist. Englisch- Stunden auf Portugiesisch zu geben, ist noch mal ein Stück schwieriger, weil ich im Kopf immer noch den Umweg übers Deutsche gehe. Da bin ich froh, sämtliche Wörterbücher dabei zu haben. In der Creche geben Viola und ich zusammen Turnstunden (was laut unseres Arbeitsplans den komplizierten Namen Psicomotricidade trägt) und in der Nova Cidade haben wir zwei Gruppen, mit denen wir in spielerischer Form Musik und Theater machen. Das fordert uns nicht nur, sondern macht uns selber richtig Spaß! Brasilianische Rezepte erlerne ich in der Bäckerei und Küche des Centro Comunitário União e Apoio Verde Vale in einem Kurs für Mütter von Serpaf- Kindern und Frauen aus dem Stadtteil. Uns auf diese Weise mit den Müttern unterhalten zu können, ist ebenfalls interessant. Serpaf ist nicht nur ein soziales Projekt, das Kinder und Jugendliche auffangen und fördern will, sondern der ganzen Familie Möglichkeiten zur Weiterbildung und Lebenshilfe bietet. Einige Mütter finden hier Arbeit: in der Backstube werden die Brötchen für die Creche und die Nova Cidade gebacken sowie wechselnde Backwaren an die Bewohner des Stadtteils verkauft. Desweiteren ist im Centro Comunitário eine Nähstube untergebracht, in der die Frauen Kleidung schneidern oder unter anderem Küchen- und Handtücher besticken, für sich und zum Verkauf, sowie eine Werkstatt, in der Holzarbeiten aus Cipó hergestellt werden, vom Schmuckkästchen und Bilderrahmen, die auf einem Markt verkauft werden, bis hin zu Tischplatten auf Bestellung. Cipó ist eine formen- und farbenreiche holzige Liane aus der Region, die in kleine Stückchen gesägt wird und auf dem Holz, aus dem die Gegenstände vorgefertigt sind, zu Mustern aufgeklebt wird. Desweiteren finden in Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen Vorträge und Beratungen zu Aus- oder Weiterbildung, Gesundheitsvorsorge oder zu Themen wie Gleichheit von Mann und Frau oder Umwelt statt. Ein neues Angebot von zwei Mitarbeiterinnen soll eine wöchentliche Gesprächsstunde sein, in der die Mütter über alle Probleme des Alltags reden und sich Rat und Hilfe suchen können. Wie das Leben der Menschen hinter den Mauern ihrer Häuser aussieht, können wir nur erahnen. Ein Problem, dass von Serpaf immer wieder angesprochen wird, ist häusliche Gewalt. Mit den Kindern wird darum viel über Solidarität, Freundschaft, Liebe, Friede und Zusammenhalt in der Familie gesprochen. - Nachträglich haben wir nun noch einen Partnerschafts-Nachmittag eingerichtet. Serpaf hat eine Partnerschaft mit der Ev. Kirchengemeinde Essen-Werden, der Propstei-Gemeinde St. Lugerus (Arbeitskreis Serpaf) und dem Mariengymnasium, die schon viele Sammel-Aktionen und andere Aktivitäten gestartet haben und Serpaf regelmäßig unterstützen. An diesem Nachmittag werden wir mit interessierten Kindern und Jugendlichen Briefe schreiben und Bilder malen, die etwas über ihr Leben hier in Brasilien erzählen sowie Fragen an die deutschen Brieffreunde stellen. Die Kinder können sich hier gar nicht vorstellen, wo Deutschland liegt, wie lange unser Flug hierher gedauert hat; schon öfters wurden wir gefragt, ob man in Deutschland als Muttersprache Englisch spricht und wir blicken in erstaunte Gesichter, wenn wir sagen, dass es dort keinen Feijão gibt. So wollen wir einen regelmäßigen Austausch auf die Beine stellen, weil wir sicher sind, dass es für beide Seiten, die deutsche wie die brasilianische, eine Bereicherung sein wird. Aber nicht nur Briefe gibt es hier zu schreiben, sondern ebenso andere Tätigkeiten zu tun, die mit der Partnerschaft zusammenhängen: letzte Woche stellten Viola und ich ein Paket aus bei Serpaf angefertigten Tischdeckchen, Ketten etc. zusammen und machten es reisefertig, um nach Werden geschickt und dort auf dem Weihnachtsbasar verkauft zu werden. Auch bei dem Kontakt zwischen dem AK Serpaf und Adriane können wir uns einbringen, indem wir beispielsweise Emails übersetzen, denn soweit reicht unser Portugiesisch mittlerweile. Jeder Tag ist ausgefüllt und bringt viel Abwechslung. Oft sind wir noch nach der eigentlichen, täglich 8-stündigen Arbeit mit dem Projekt beschäftigt: Vorbereitung auf Stunden, Emails schreiben etc. Ich fühle mich nun wohl hier, habe meine Schützlinge und meine Schüler, zu manchen von denen ich schon eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut habe. Natürlich läuft nicht alles glatt, man muss sich an ein anderes Alltagsleben gewöhnen, ist mit unbekannten Fragen, Denk- und Verhaltensweisen konfrontiert, die man auch manchmal nicht nachvollziehen kann. Neben der Projektarbeit bleibt zum Glück auch Zeit, um Brasilien auf andere Weise, von anderen Seiten kennen zu lernen: Einmal die Woche haben wir Portugiesisch-Unterricht, wo wir alle Fragen zu gehörten Ausdrücken klären können, die in keinem Wörterbuch zu finden sind und wo jemand darauf achtet, dass wir das brasilianische Portugiesisch grammatikalisch richtig gebrauchen - denn im Alltag lernen wir die gesprochene Sprache unseres Bundesstaates Minas Gerais. Mit Freunden waren wir in der Umgebung der Stadt auf mehreren Fazendas (eine brasilianische, oft ehemalige Farm) oder abends an einem der Seen in der Stadt. Einige freie Tage haben uns schon in die Kolonialzeitstadt Petrópolis, nach Rio de Janeiro und in das schmucke barocke Bergbaustädtchen Ouro Preto gelockt. Und zum Ausgleich nach der Arbeit haben wir nun mit Capoeira angefangen, einer brasilianischen Kampfkunst mit Tanzelementen. Es liegen nun weitere 10 Monate meines Lebens und meines Freiwilligen Friedensdienstes bei Serpaf vor mir. Ich bin gespannt darauf, was diese Zeit noch alles mit sich bringen wird! Sommerliche Grüße und brasilianische abraços aus Sete Lagoas eure Sophia Deck
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